Studiengang Archäologische Wissenschaften

 

Allgemein

Seit den Tagen der ersten Ausgrabungen hat sich die Archäologie als Disziplin an der Schnittstelle von geistes- und naturwissenschaftlicher Forschung in eine Vielzahl verschiedener Fachrichtungen entwickelt. Allen modernen Archäologien ist gemein, dass sie sich für den Menschen, das soziale Zusammenleben und die kulturelle Entwicklung interessieren. Die materiellen Hinterlassenschaften stellen dazu die wichtigste Quelle dar.

Ein Studium der Archäologischen Wissenschaften an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg ist so organisiert, dass es Ihnen eine profunde Ausbildung in den Fachbereichen Klassische Archäologie, Christliche Archäologie und Ur- und Frühgeschichte (Prähistorische Archäologie) vermittelt. Diese große Bandbreite an archäologischen Fächern, die durch die Kooperation mit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und den dortigen Schwerpunkten auf den Jüngeren Metallzeiten und der Frühgeschichte, der Archäologie der Römischen Provinzen, der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit sowie der Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie noch gestärkt wird ergibt in der Summe einen einmaligen Archäologie-Verbund räumlich unmittelbar benachbarter Standorte. Sie können die Archäologischen Wissenschaften als 1-Fach und 2-Fach-Bachelor (auch in Teilzeit) sowie als Master- und Promotions-Studiengang studieren.

Im Bachelor-Studium erwerben Sie während Ihrer 3-jährigen Ausbildung (6 Semester) Fähigkeiten, die Sie sowohl zum beruflichen Einstieg in Denkmalpflegeinstitutionen, Museen und als Wissenschaftler/In in private Grabungsfirmen als auch zu einem anschließenden Master-Studium qualifizieren. Theorie und Praxis sind hierbei gleichermaßen von Bedeutung. Im Laufe des Bachelorstudiums erarbeiten Sie sich Grundkenntnisse in der zeitlichen und räumlichen Entwicklung vergangener Gesellschaften. In Erlangen werden Ihnen außerdem moderne Prospektions- und Ausgrabungsmethoden sowie Materialkunde anhand von Originalfunden aus den beiden großen Sammlungen der Universität (Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung und Antikensammlung) vermittelt. Darüber hinaus können Sie im Studium Fähigkeiten in computergestützten Analysemethoden erwerben.

Das Master-Studium steht allen in- und ausländischen Interessenten offen, die einen Bachelor-Abschluss in Archäologie besitzen. Innerhalb von zwei Jahren (4 Semester) vertiefen Sie Ihr bisher erworbenes praktisches und theoretisches Wissen. Dazu wählen Sie einen der drei Fachbereiche als Studienschwerpunkt und studieren die anderen Fachbereiche begleitend. Ein erfolgreich absolviertes Master-Studium befähigt Sie zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten in Ihrem Fachgebiet und eröffnet die Möglichkeit weiterführender Qualifikationen wie beispielsweise der Promotion.

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Ur- und Frühgeschichte

Die Ur- und Frühgeschichte oder Prähistorische Archäologie umfasst die ältesten Teile der Menschheitsgeschichte und reicht von dem Auftreten der frühesten Menschenformen vor mehr als 2,5 Millionen Jahren bis zur Einführung der Schrift. Die hierdurch mögliche Betrachtung sehr langer Zeiträume eröffnet einen besonderen Blickwinkel auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften, ihrer wirtschaftlichen und sozialen Organisationsformen sowie ihrer künstlerischen und religiösen Vorstellungen. Da sie also definitionsgemäß schriftlose Gesellschaften erforscht, ist die Prähistorische Archäologie in besonderem Maße auf Erkenntnisse durch Ausgrabungen und die Analyse der materiellen Kultur angewiesen um Licht auf das Leben der damaligen Menschen zu werfen. Hier spielen neben den geborgenen Gegenständen selbst besonders auch die Fundzusammenhänge eine entscheidende Rolle. Die Bandbreite reicht von einfachen Steinwerkzeugen an kaum strukturierten Lagerplätzen der Frühmenschen vor mehr als 2,5 Millionen Jahren bis hin zu variantenreichen Keramiken und Metallobjekten in Gräbern, Siedlungen und Befestigungen, die in späten Abschnitten der Ur- und Frühgeschichte als kulturelles Mosaik in der Nachbarschaft von Hochkulturen existiert haben.

Die ältere Urgeschichte (Lehrstuhl Prof. Dr. Thorsten Uthmeier) beschäftigt sich dabei mit umherziehenden Gruppen von Jägern und Sammlern, die Europa während mehr als 1 Millionen Jahre durchstreiften und dabei unter sehr unterschiedlichen Bedingungen lebten. Eiszeiten mit weiten, baumlosen Mammutsteppen wechselten mit Warmzeiten, in denen sich ausgedehnte Wälder ausbreiteten. Die frühsten Spuren menschlicher Besiedlung hinterließ der Homo erectus in Europa. Auf ihn folgte der Homo sapiens neanderthalensis, der während 300.000 Jahren als erfolgreicher Jäger zahlreiche Fundstellen hinterlassen hat. Aus den dort geborgenen Artefakten lassen sich weitreichende Rückschlüsse auf das technologisches Wissen, die soziale Organisation und die Vorstellungswelt der Neandertaler ziehen. Mit dem Auftreten des Homo sapiens sapiens in Europa verschwindet der Neandertaler. Was genau dazu führte und wie der Wechsel vom Neandertaler zum „Modernen Menschen“ vor etwa 40.000 Jahren vonstatten ging, ist nach wie vor eine der großen Fragen der Archäologie. Einmal angekommen hinterließ Homo sapiens sapiens in Europa beeindruckende Zeugnisse einer reichen Gedankenwelt, wie beispielsweise die ältesten Musikinstrumente, die Franko-Kantabrischen Höhlenmalereien und technologische Innovationen wie die Speerschleuder oder Pfeil und Bogen.

Mit dem Auftreten der ersten Bauern beginnt die jüngere Urgeschichte (Lehrstuhl Prof. Dr. Doris Mischka). Zum ersten Mal werden in Europa dauerhafte Häuser errichtet und die Menschen werden sesshaft. Gleichzeitig nimmt der Einfluss menschlicher Aktivitäten auf Vegetation, Wasserhaushalt und Tierwelt zu. Der mit der neuen Lebensweise einhergehende Anstieg der Bevölkerung erfordert neue Arten des Zusammenlebens und der sozialen Organisation. Erfindungen wie der Pflug oder das Rad sind Meilensteine dieser Epoche. Die Entdeckung der Metallurgie läutet ein neues Zeitalter ein. Der Handel mit Rohstoffen dehnt bestehende Tauschnetzwerke auf eine gesamteuropäische Größe aus und veränderte die Wirtschaftssysteme. Durch zunehmende Unterschiede in Besitz und Status wächst auch die Stratifizierung innerhalb der Gesellschaften. In den wachsenden Siedlungen entstehen Handwerkerviertel und herausgehobene Bauten für eine kleine Elite. Soziale Spannungen und Wirtschaftsinteressen fördern das Auftreten kriegerischer Auseinandersetzungen. Geräte und Waffen aus Bronze und später aus Eisen, Schmuckstücke aus Gold und Importe aus entlegenen Gebieten geben beredtes Zeugnis von diesen Entwicklungen. Wechselnde Bestattungssitten deuten auf Änderungen in Religion und Jenseitsvorstellung hin.

Als besondere Schwerpunkte sowohl der Älteren als auch der Jüngeren Urgeschichte in Erlangen können die Landschaftsarchäologie und die Analyse von Steinartefakten genannt werden. Die Landschaftsarchäologie als Weiterentwicklung der Siedlungsarchäologie betrachtet größere Naturräume und die besiedlungsgeschichtliche Entwicklung unter Berücksichtigung der Quellenlage und der zur Verfügung stehenden Ressourcen in einem solchen Gebiet. Dank der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlung, die mit 200.000 Objekten aus 800 zumeist europäischen Fundorten als eine der größten ihrer Art in Mitteleuropa gelten darf, und einer kleinen Lithothek verfügt das Institut über hervorragende Möglichkeiten Steinartefakte in Bezug auf Rohmaterialien und Gerätemorphologie zu studieren.

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Klassische Archäologie

Die Klassische Archäologie erforscht die Kulturen Griechenlands und Roms. Ihr Untersuchungszeitraum umfasst die Epochen von der späten Bronzezeit (2. Jahrtausend v. Chr.) bis in die Spätantike (5./6. Jahrhundert n. Chr.), der geographische Schwerpunkt liegt dabei auf dem gesamten Mittelmeerraum, greift aber auch auf Regionen wie den Vorderen Orient und Nordeuropa aus. Klassische Archäologen interessieren sich für die vielfältigen, materiellen Hinterlassenschaften dieser Kulturen; sie fragen, wie die antiken Menschen ihre Umwelt und ihre Lebensräume gestalteten, welche Objekte sie herstellten und welche Gebäude sie errichteten, vor allem aber, welche Informationen uns diese über die Gesellschaft, über Alltag, Kunst und Denkweisen dieser alten Kulturen liefern können. Den Klassischen Archäologen hilft dabei eine große Zahl antiker Schriftquellen, sodass das Fach in engem Kontakt zur Geschichtswissenschaft und den Alten Sprachen steht. Um die vielfältigen Relikte der Vergangenheit – vom kleinsten Mosaikstein bis hin zur monumentalen Tempelarchitektur – sinnvoll zu untersuchen, steht der Klassischen Archäologie eine Vielfalt ganz unterschiedlicher Methoden zur Verfügung. Dazu gehören die Arbeit im Feld und naturwissenschaftliche Analysen ebenso wie aktuelle Methoden der Kunstwissenschaften, der Soziologie und Ethnologie, der Architekturgeschichte und Urbanistik.

Die Klassische Archäologie verteilt sich traditionell auf die beiden Forschungsfelder der griechischen und der römischen Kultur, wobei sich die beiden Bereiche in vielen Aspekten und Entwicklungslinien überschneiden und ergänzen. In Griechenland, der Ägäis und in Kleinasien bildet sich unter dem Einfluss der orientalischen Hochkulturen ab dem 9./8. Jahrhundert v. Chr. eine neue Form von städtischen Gesellschaften heraus. Die dort entwickelten, politischen Strukturen ebenso wie die originellen, sich ständig verändernden Ideen zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen, von Bildern und Architektur bilden die Grundlage nicht nur für die folgende Antike, sondern auch die gesamte spätere Kultur Europas bis hin in unsere Gegenwart. Die römische Kultur greift durch die Expansion der römischen Herrschaft im Mittelmeerraum und weit darüber hinaus die griechischen Traditionen auf. Sie verbindet die griechischen Formen und Konzepte im Austausch mit fremden Kulturen zur ersten, globalen Kultur der Menschheit; ihre Einflüsse sind weit über ihre Grenzen hinaus bis hin nach Indien, Zentralafrika und Nordeuropa spürbar. Auf der Basis bis dahin ungekannter, wirtschaftlicher Ressourcen gibt ab der Zeit der römischen Republik eine gebildete und weltoffene Oberschicht höchst kreative, öffentliche und private Architekturen und Luxusprodukte in Auftrag. Die Vielfalt der Themen, Ideen und Konzepte beeinflusst die Lebenswelt und den materiellen Alltag von Menschen aller Schichten, von Stadt- und Landbewohnern ebenso wie von kulturell ganz unterschiedlich geprägten Menschen von Britannien bis Syrien.

Einen Schwerpunkt der Erlanger Archäologie liegt auf der Untersuchung der antiken Bilderwelt. Aus der Antike haben sich zahllose Bilder erhalten: Bilder auf Gefäßen, Reliefs und Malereien, an Gebäuden und auf Münzen Sie bieten die einmalige Möglichkeit, Einblicke in die Gedankenwelt der damaligen Menschen zu gewinnen, von der uns andere Quellen nichts oder nur wenig berichten. Die Sammlung antiker Originale und moderner Gipsabgüsse von antiken Statuen, Porträts und Kleinkunst der FAU ermöglicht ein Studieren und Forschen direkt am Objekt. In der Antikensammlung werden zudem aktuelle, digitale Methoden erprobt. Das Institut führt Forschungsprojekte zu verschiedenen Themen durch, arbeitet dabei eng mit den Nachbarfächern sowie nationalen und internationalen Partnern zusammen.

Klassische Archäologie kann man an der FAU im Verbund mit der Ur- und Frühgeschichte und der Christlichen Archäologie in den BA-Studiengängen (1-Fach und 2-Fach) und MA-Studiengängen „Archäologische Wissenschaften“ studieren. Das Studium ist außerordentlich vielfältig und abwechslungsreich: Wer sich für das Fach Klassische Archäologie entscheidet, wird neben den Vorlesungen, Seminaren und Übungen in Erlangen auch Grabungs- und Museumspraktika absolvieren, regelmäßige Exkursionen zu Museen und Ausgrabungsstätten rund um das Mittelmeer unternehmen und so die Möglichkeit haben, direkt am antiken Material zu arbeiten und mit internationalen Wissenschaftlern in aller Welt in Kontakt zu treten.

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Christliche Archäologie

Das Fach „Christliche Archäologie“ beschäftigt sich mit den materiellen Zeugnissen des Christentums. Es steht damit am Schnittpunkt von Archäologie, Theologie, Kirchen- und Kunstgeschichte. Der Erlanger Lehrstuhl behandelt in Forschung und Lehre ein weites Spektrum von architektonischen und bildkünstlerischen Denkmälern sowie archäologischen Funden und Befunden. Traditionell werden hier nicht nur die Kernthemen des Fachs wie die frühchristlich-byzantinische Kunst, sondern auch spätere kulturgeschichtlichen Epochen und archäologische Zeugnisse des frühen Christentums außerhalb des euromediterranen Raums behandelt. Dies macht den Erlanger Lehrstuhl international einzigartig.